„Ich war immer gerne die Mutti für alles“

Hinter den Kulissen organisierte die 69-Jährige zahlreiche Lehrgänge und die großen Turniere. Eine besondere Herausforderung war Olympia 2008 in Peking. WILHELMSHAVEN. Muss man als Funktionär eigentlich ein echter Kenner seiner Sportart sein? Ein Fachmann mit eigenen sportlichen Erfolgen? Könnte nicht auch jemand die Hotels für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft buchen, der nicht Torschützenkönig in Italien war?
[2020-06-20]
„Ich war immer gerne die Mutti für alles“
Dorle Gassert kennt die Antworten auf diese Fragen nur zu gut: „Natürlich kann man in Vereinen und Verbänden helfen, auch wenn man sportlich kein Experte ist. Bei den ganz Großen ist es sicherlich hilfreich, auch eine sportliche Reputation zu besitzen. Aber kleinere Verbände, wo es noch familiär zugeht, sind für jede Hilfe dankbar.“

Die 69-Jährige hat in der Vergangenheit gleich zwei Verbänden unter die Arme gegriffen und dabei als Funktionärin gute Arbeit geleistet: Von 1999 bis 2012 war Gassert Team-Managerin bei den Deutschen Hockey-Frauen – zunächst in der U 21, ab 2005 auch beim A-Team. Von 2014 bis 2017 kümmerte sich die gebürtige Bayerin um die deutschen Handball-Frauen – als Team-Koordinatorin.

„Diese Jahre haben mir unglaublich viel gegeben“, sagt Gassert. „Ich habe so viele tolle Menschen kennengelernt, so viele Länder gesehen und unzählige Geschichten erlebt. Ich bereue keinen Tag, auch wenn die Arbeit nicht immer einfach war. Egal ob beim Hockey, oder beim Handball: Hinter den Kulissen gibt es jede Menge zu organisieren. Dafür hatte ich schon immer ein gewisses Händchen und war gerne die Mutti für alles.“

Zu ihrer Funktionärslaufbahn kam die 69-Jährige wie die Jungfrau zum Kind: Mal waren es vakante Posten (wie 1990 beim WTHC), mal verbandliche Zwänge (wie 1994 beim Bremer Hockey-Verband). „Ich wollte nicht die sein, die immer nur sagt, wie es gemacht werden müsste. Ich habe gerne Verantwortung übernommen und bin auch meinem damaligen Chef und den Kollegen dankbar, dass sie mich bei meinem zeitlich immer aufwendigeren Hobby jederzeit unterstützt haben.“

Denn spätestens als Gassert Ende 1999 das Team-Management der deutschen U 21-Auswahl übernahm, ließ sich die Aufgabe nicht mehr „nach Feierabend“ erledigen. Lehrgänge mussten geplant, Spielerinnen eingeladen und Reisepläne koordiniert werden. „Schnell und günstig lautete immer das Motto“, berichtet die 69-Jährige. Hinzu kamen die großen Turniere, die nicht nur im eigenen Land (z.B. 2000 in Leipzig) stattfanden, sondern auf allen Kontinenten der Welt.

Als „bewegendes Jahr“ hat Gassert 2005 in Erinnerung: Da war zunächst die U 21-WM in Santiago de Chile (Silbermedaille), gefolgt von einem Einladungsturnier in China und gekrönt von der Champions-Trophy, zu der sich die besten sechs Mannschaften im Dezember in Australien trafen. „In diesem Jahr bin zur A-Mannschaft gewechselt. Groß umstellen musste ich mich nicht, da ich die meisten Spielerinnen noch aus der U 21 kannte.“

Neben dem EM-Titel in Manchester (2007 nach Sieg über Erzrivale Niederlande) sind vor allem die Olympischen Spiele 2008 in Peking in besonderer Erinnerung geblieben. Gassert: „Wir waren Titelverteidiger, haben aber das Halbfinale gegen China verloren – genau wie das Spiel um Bronze gegen Argentinien. Sportlich also eher enttäuschend, aber die Eindrücke waren atemberaubend. Außerdem hat man auch den ein oder anderen Weltstar getroffen – wie Basketballer Dirk Nowitzki, der Dauergast bei unseren Spielen war.“

Das Turnier in der Volksrepublik stellte besondere organisatorische Anforderungen, vor allen bei der Einreise. Als bei einer deutschen Spielerin die Passnummer nicht mit der Nummer auf der Akkreditierung übereinstimmte, drohte der Olympia-Traum schon vor dem Abflug zu platzen. Gassert: „Die Lufthansa wollte sie nicht mitnehmen. Zum Glück stand genau in den Moment der ehemalige Fußball-Schiedsrichter Walter Eschweiler hinter uns. Er ist als Sportdiplomat mitgeflogen und hat die Sache für uns geregelt. In Peking gab es keine Probleme.“

Nach dem geplanten Rückzug aus dem DHB-Staff nach den Sommerspielen in London, hatte Gassert eigentlich keine weltsportlichen Ambitionen mehr. Über einen befreundeten Physiotherapeuten glühte aber schon bald der Draht zum Deutschen Handball-Bund. „Man hat sich sehr um mich bemüht. Sogar der damalige Bundestrainer Heine Jensen hat mich angerufen – da konnte ich am Ende nicht nein sagen“, schildert Gassert ihr Debüt als Team-Koordinatorin der DHB-Frauen.

Bei der Heim-WM 2017 hatte sie in dieser Funktion auch das Vergnügen mit Ex-WHV-Trainer Michael Biegler. „Ein spezieller Typ“, sagt Gassert leicht schmunzelnd. „Ich hab ja vom Handball noch weniger Ahnung als vom Hockey. Aber er ist ein toller Motivator, der die Frauen sofort begeistert hat.“


Weitere Nachrichten aus dem Verein

Zurück zu den News